Golf und Frauengeschichten
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(TOP 500 REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Frl. Ursula (Gebundene Ausgabe) Die ersten zwei Drittel von Heiner Links Roman "Frl. Ursula" fand ich sehr spannend, leider fällt die Geschichte im letzten Drittel etwas ab. Darum gebe ich nur 3 statt 4 Sterne. Sprachlich, stilistisch und vom Unterhaltswert her sind 5 Sterne angezeigt, weshalb "Frl. Ursula" ein empfehlenswerter Lesespass ist.
Es geht um einen Icherzähler, der in der Gesellschaft gut etabliert ist. Akademiker, guter Job, Haus, Ehefrau, Geliebte. Insgesamt erfährt man eigentlich nichts Konkretes über seine Person und sein Leben. Regelmässig spielt er mit seinen Akademiker-Kollegen (Anwälte, Zahnärzte) Golf. Bevorzugtes Thema neben dem Spielplatz sind ihre Frauengeschichten. Parallel dazu erzählt der Icherzähler, wie er vor 20 Jahren dieses Frl. Ursula kennen gelernt hat, nämlich in einem Supermarkt, wo ihr Namensschild mit "Frl. Ursula" beschriftet war, und wie sich ihre Beziehung im Laufe der Zeit entwickelte. Ein stetiges Auf und Ab, lange nichts, dann ein Liebesverhältnis, schliesslich nur noch Freundschaft. Frl. Ursula bleibt als Person seltsam blass, unfassbar und identitätslos, mehr Phantom als reale Figur. Wenig ist von ihr bekannt. Frl. Ursula scheint mehr eine Projektion des Icherzählers von einer Traumfrau zu sein.
Besonders witzig ist eine Episode, in der der Icherzähler in beinahe kindlicher Unbedarftheit beginnt, im Klo des Clubhauses mit einem Filzstift kecke Sprüche zu schreiben. Das ist schon richtig gehend subversiv, was die etablierten Golfspieler extrem nervt. Als ob sie keine anderen Probleme hätten, als den unbekannten Schmierfink zu finden. So einfach kann das das festgefahrene Weltbild des Establishment erschüttert werden.
Im letzten Drittel des Buches verlagert sich die Handlung etwas unmotiviert nach Kuba, statt dass die Geschichte um Frl. Ursula weiter entwickelt würde. Der Icherzähler macht dort Ferien mit Frl. Ursula und seinen Golfkumpanen, dem so genannten Havanna-Club (wie die Rum-Marke). Das Leben in der Hitze spielt sich irgendwie zwischen Golf, Rum und Prostituierten ab. Frl. Ursula scheint gar nicht real in Kuba zu sein, denn sie spielt praktisch keine Rolle, vielmehr scheint sie nur als Wunschvorstellung des Icherzählers zu existieren. Vielleicht ist das Kuba-Kapitel auch eine Anspielung auf Max Frischs "Homo Faber", wo auch ein älterer Herr in der Sinnkrise sich durch Havannas Bars trinkt und mit blutjungen Mädchen nochmals seine Jugendlichkeit beweisen will.
"Frl. Ursula" ist vor allem ein sehr gut geschriebenes Buch. Der Icherzähler erzählt aus einer etwas seltsam distanzierten und wunderbar selbstironischen Optik. Seine Betrachtungen werden staubtrocken und lakonisch vorgetragen. Witzig ist, wenn Heiner Link gewisse Themen (Golf, Wirtschaftsleben) blendet imitiert und somit auch parodiert. Durch "Frl. Ursula" öffnet sich den Lesern ein sehr spezieller und entlarvender Blick auf die Herren der besseren Gesellschaft, deren Sinnessuche sich nur zwischen Geld, Alkohol und Frauen im Kreis dreht.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 23. Februar 2004
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